Unterschiede in der Wahrnehmung der Rollen von Mann und Frau sowie in den Ansprüchen an die Partnerschaft führen bei Frauen oft zu Enttäuschung und Rückzug, was bei den Männern oft zu Abwehr und ein sich Verschanzen zur Folge haben. Um aus diesem Teufelskreis auszusteigen, braucht es die kraftvolle Besinnung auf sich selbst.

Entstehung eines Teufelskreises

Bei vielen Paaren entwickelt sich im Laufe der Zeit eine bestimmte Dynamik. Männer investieren viel in ihre Karriere, während Frauen sich tendenziell auch persönlich weiterentwickeln. Sie kümmern sich intensiv um ihr emotionales Wohlbefinden, diskutieren über Gefühle, besuchen Kurse und wünschen sich, diesen Weg gemeinsam mit ihrem Partner zu gehen. Vereinfacht ausgedrückt: Männer fokussieren sich auf äusseren Erfolg, Frauen eher auf inneres Wachstum. Diese Unterschiede können zu negativen Gefühlsdynamiken und gegenseitiger Kritik führen, bei denen sich beide Partner* unverstanden fühlen und sich in einem fortlaufenden und sich selbst verstärkenden Muster von Missverständnissen und negativen Reaktionen verfangen. Weil man sich unverstanden fühlt, insistiert man mehr, macht mehr Vorwürfe, provoziert mehr Abwehr, Abwenden, Resignation etc.

Elternschaft und Rollenverteilung

Dieses Phänomen verstärkt sich oft, wenn Paare Eltern werden. Die Rollenbilder  zementieren sich dann in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Die Zeit mit kleinen Kindern verändert die Wertvorstellungen. Das frühere Leben kann nicht einfach fortgesetzt werden. Junge Paare müssen sich oft mühsam neu orientieren. Viele Männer übernehmen die Rolle des Hauptverdieners, während Frauen sich für Teilzeit- und Betreuungsarbeit entscheiden, mit allen damit verbundenen Herausforderungen.

Teufelskreis «Du hörst nicht zu!» – «Wo ist dein Problem?»

Nehmen wir Corina und Oliver, beide um die 40. Sie haben zwei Kinder im Schulalter. Oliver arbeitet zu 80%, Corina zu 50% Teilzeit und ist zusätzlich verantwortlich für das gesamte Management der Haus- und Betreuungsarbeit. Oliver übernimmt einen Tag der Kinderbetreuung und den Wocheneinkauf, den Corina vorbereitet. Corina fühlt sich zunehmend frustriert und nicht wertgeschätzt. Sie klagt, dass Oliver nie richtig präsent ist und nicht mitdenkt. Ihre Arbeit im Beruf ist wenig verantwortungsvoll und/oder belastet sie zusätzlich.

Oliver versteht ihre Klagen nicht. Er bringt den Großteil des Geldes ein, steht jeden Tag früh auf, macht Überstunden, übernimmt einen Betreuungstag und den Wocheneinkauf. Sie haben sogar eine Putzfrau. Wo ist das Problem? Er versteht den Vorwurf nicht. Corina könne sich doch auch mal eine Auszeit nehmen. Davon könne er nur träumen.

Diese Diskrepanz in ihren Wahrnehmungen führt in eine Sackgasse und zunehmend in einen Teufelskreis. Corina sucht Verständnis und Nähe, möchte Gespräche führen. Sie hat die Kommunikationsbücher von Schulz von Thun gelesen und spricht vorsichtig von ihren Gefühlen, dass sie sich alleingelassen fühlt und mehr Zeit zusammen möchte. Sie plant genau, wann und wie sie ihn anspricht, um nicht gleich eine Abwehrhaltung zu provozieren. Trotzdem fühlt sie sich oft als Sensibelchen belächelt und ihre Anliegen werden nicht ernst genommen. Sie fühlt sich ohnmächtig und ist angespannt.

Abwärtsspirale

So landet sie im „Projekt Mann“. Sie ist verwirrt, fragt sich, ob ihre Bedürfnisse übertrieben sind und wie sie ihren Mann dazu bringen kann, sie zu verstehen. Die Abwehr des Partners und das Herunterspielens ihres Problems lassen sie zweifeln. Sie sucht nach noch mehr Worten um sich verständlich zu machen.

Viele Frauen berichten von einem Mangel an Erfüllung und Resignation, wenn sie ihre Anliegen ansprechen. Ihre Partner verschanzen sich, fühlen sich schuldig und reagieren trotzig oder abweisend. Gedanken kreisen dann immer öfter: «Wenn er nur dies täte…, endlich auch in Therapie ginge…, so wäre …, dann ginge es mir besser.»

Der Alltag wird von den Frauen her nörgeliger und die Männer ziehen sich zurück oder flüchten in Freizeitaktivitäten. Was ich als Essenz höre: Da ist viel Unzufriedenheit und Abarbeiten bei den Frauen und viel Abwehr, Mauern und Schuld bei den Männern.

Das ist der typische Teufelskreis

  • Die Frau fühlt sich nicht gesehen, ist unglücklich und unzufrieden.
  • Sie verhält sich passiv-aggressiv, nörgelt, kritisiert und/oder plant Optimierungen.
  • Der Mann fühlt sich angegriffen, nicht wertgeschätzt und in die Ecke gedrängt.
  • Er verhält sich ausweichend, verschanzt sich und/oder belächelt die Probleme.
  • So fühlt sich die Frau noch weniger gesehen, resigniert, ist frustriert.
  • Ihr Verhalten verstärkt sich: Noch mehr unterschwellige und offene Kritik.
  • Der Mann hat das Gefühl, nichts mehr recht zu machen …  

Aus den enttäuschten und verletzten Gefühlen wird ein konflikthaftes Verhalten, wo es keinen Anfang und kein Ende gibt. Beide Partner sind gefangen in den zunehmend destruktiven Vorwürfen. Beide sind überzeugt, im Recht zu sein.

Teufelskreis durchbrechen

Erster Schritt: Von Gefühlen reden und Zuhören

Als erstes gilt es zu lernen, dem Partner, der Partnerin gut zuzuhören. Alle inneren Abers beiseite zu schieben und zu hören, wie es der Frau, wie es dem Mann geht.

Verboten sind Du-Botschaften:

„Du bist ja nie zuhause.“ – „Kaum öffne ich die Türe, nörgelst du schon an mir herum.“

Umformuliert in Ich-Botschaften könnte das heissen:

«Ich bin von 7:30h bis 19:00 alleine zuhause mit den Kindern. Das ist viel Zeit, in der ich mich immer wieder mal überfordert fühle von dem Lärm, dem Gezanke, den Fragen. Und auch unzufrieden, weil sich so Vieles um Putzen, Kochen, Waschen, Aufräumen dreht. Und dafür kriege ich nicht mal Lohn und auch wenig Wertschätzung.“ – „Ich komme oft etwas ausgelaugt von der vielen Bildschirmarbeit nach Hause und freu mich eigentlich. Und dann höre ich als erstes Vorwürfe und in mir wird es ganz stumm und kalt.“ Beschreibungen dienen dazu, die Umstände dieses unbefriedigenden Alltags besser verständlich zu machen.

Zweiter Schritt: Paartherapie

Oft schmieden Frauen Pläne für Paartherapie oder bitten ihre Männer um mehr Engagement in der Kommunikation. Und der Mann – schliesslich auch modern, lässt sich oft zögerlich überreden, kommt mit, lenkt ein. Ist es sein Anliegen? Oft eher an der Oberfläche, weil er spürt, dass es sein muss. Es hilft dann, wenn beide Partner* es als ein Herzensanliegen betrachten und nicht nur halbherzig und abwehrend mitmachen. Dahinter steckt manchmal die Angst, noch mehr Vorwürfe zu hören und sich eingestehen zu müssen, dass Abwehr und Vorwürfe toxisch werden.

Eine gesunde Beziehung

Eine gesunde Beziehung lebt von klarer Kommunikation. Vom Zuhören mit dem Fokus nebst dem Sachverhalt auch die Gefühlsebene mitzukriegen. Lebt davon, dass wir lernen die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sie als Bitten an den/die Andere*n konkret zu formulieren. Verstummen, Resignieren, Verschanzen, Kopf in den Sand stecken, Ausweichen, um den Brei reden, Vorwürfe horten – das alles sind Anzeichen von Schieflage in der Beziehung und erfordern Mut und Klarheit, sie auszusprechen.

Für die Frauen

Den Frauen lege ich mit Nachdruck ans Herz: Hört auf ein „Projekt Mann“ zu haben. Hört auf eure Männern verbessern zu wollen, in der Hoffnung, dass diese sich einmal ändern, euch zuliebe. Jeder Mensch bewegt und ändert sich nur mit der inneren Motivation. Anstatt klar zu haben, was die Männer anders machen sollen – eine klare Haltung zu entwickeln für sich – was willst du für dich und was machst du nicht mit.

Zum Beispiel aussteigen aus fruchtlosen Diskussionen, aussteigen aus den (faulen) Kompromissen, die eigene Kraft zu ergründen statt der Angst vor den Konsequenzen nachzugehen. Was sagt das Herz? Und nur das aussprechen, was du wirklich tun wirst. („Ich kann so keinen Tag weiter!“ – das braucht eine konkrete Umsetzung deinerseits.) Was tut dir gut? Bitte darum, benenne dein Bedürfnis konkret und im Moment. Dann nimmst du dich ernst und das hat Kraft. Frage dein Herz – es kennt den Weg besser als die immer wiederkehrenden Gedanken.

Vielleicht provoziert das Turbulenzen. Gut so und unbequem für beide. Das erfordert deinen Mut und deine Liebe, klar und liebevoll zu bleiben für dich und offen zu bleiben für deinen Mann. Ein Projekt „Ich mit mir“, statt „Projekt Mann“. Ich bin überzeugt, dass das nährender und wegweisender ist als jeden Tag Kraft in den andern zu investieren.

Für die Männer

Und den Männern lege ich ans Herz, ihren Frauen richtig zuzuhören und hinzuhören. Ihr riskiert nichts weniger als eure (jahrelange) Beziehung. Abwehr und Verschanzen verhindern oft ein richtiges Hinhören. Wenn die Frauen sich aufmachen und noch viel ehrlicher zu sich stehen, dann heisst es nämlich umso mehr: Wacht auf! Macht euch auf den Weg zu euren Gefühlen und beginnt das Projekt „Ich mit mir“. Und Hilfe und Begleitung sind immer möglich.

(Gilt für alle Gendervariationen.)